Morgenstund‘ hat Mundgeruch

 

Wie sich mein Leben verändert hat und wie es sich doch nicht verändert hat im Grunde!

Seit nunmehr dreiunddreißig Lenzen schleppe ich meinen Adoniskörper über die Erdkruste, ohne unschöne Krankheiten erlitten oder lebenswichtige Gliedmaßen verloren zu haben. Andere in meinem Alter haben bereits unzählige Kriege gewonnen oder verloren, Heerscharen von Kindern gezeugt oder es sogar zum Vize einer Weltreligion gebracht.

Und ich? Was mache ich? Nicht viel! Um nicht zu sagen: nichts. Süßes Nichtstun. Ein Leben im Leerlauf. Bei Vollgas natürlich. „Auf der Stelle treten“, könnte man auch sagen, obwohl da für meinen Geschmack schon etwas zu viel Bewegung drin ist. Aber was soll ich auch machen? Wurde nicht schon alles getan und gesagt? Muss man denn überhaupt etwas leisten, um das irdische Glück zu erlangen? Sollte ich alles verschenken, was ich besitze, was nicht viel ist, und mit einem Bettlaken bekleidet, durch die Straßen ziehen und den Weltfrieden predigen? Oder Vegetarier werden, im Einklang mit der Natur leben, mir eine Freundin mit Achselhaaren suchen, mit meinem Morgenurin gurgeln und nur noch barfuß herumlatschen? So „zurück zur Natur“? Da hätte ich heute Morgen schon einen ersten Schritt in diese Richtung getan. Heute stand ich nämlich Punkt sechs mit dem Hahn auf. Natur pur, sollte man meinen. Leider war es der Wasserhahn. Da gehe ich doch lieber mit den Hühnern ins Bett. Einer undichten Dichtung sei Dank hatte besagter Hahn mein Wohnzimmer in den frühen Morgenstunden in den Canale grande verwandelt. Während ich selig in meiner Gondel schlief. Bis eben um sechs.

Ich klingelte beim Hausmeister; der fand bereits nach zehn Minuten den Haupthahn, bloß nicht den für meine Wohnung. Weitere fünf Minuten später wurde mein Canale bereits grandissimo. Als er es um kurz nach halb sieben immer noch nicht schaffte, der Sintflut Herr zu werden, war ich drauf und dran, einen auf Moses zu machen. Jetzt, kurz vor sieben, ist die Welt wieder in Ordnung und mein Perserteppich im Arsch.